Der Fussball und das Vertrauen
Beispieltext. Es begann mit einem Fussball, der jeden Tag im Gebüsch hinter dem Schulhaus landete. Die Kinder durften ihn nicht holen – der Hang war steil, das Gebüsch dornig, die Regel klar. Also holten wir Erwachsenen den Ball. Zwanzigmal pro Pause.
Irgendwann fragte ein Mädchen aus der vierten Klasse, ob sie nicht selbst gehen dürften, wenn sie zu zweit seien und eine Lehrperson Bescheid wisse. Wir sagten zuerst nein. Dann fragten wir uns, warum eigentlich. Die ehrliche Antwort war: weil wir es so gewohnt waren und weil wir Angst hatten, dass etwas passiert.
Was Vertrauen kostet – und was Misstrauen kostet
Vertrauen hat einen Preis. Wer Kindern etwas zutraut, nimmt in Kauf, dass es schiefgehen kann. Ein aufgeschürftes Knie, ein zerrissenes T-Shirt, im schlimmsten Fall mehr. Diesen Preis sieht man sofort, und man kann ihn jemandem zuschreiben.
Misstrauen hat auch einen Preis, aber er ist unsichtbar. Er zeigt sich in Kindern, die nicht lernen, Risiken einzuschätzen, weil man sie nie lässt. In Kindern, die Verantwortung als etwas erleben, das andere tragen. Und in Erwachsenen, die zwanzigmal pro Pause ins Gebüsch steigen und dabei die Gespräche verpassen, die gerade auf dem Platz stattfinden.
Wer Kindern nichts zutraut, muss alles selbst tun – und bringt ihnen genau das bei.
Wie wir es gelöst haben
Wir haben mit den Kindern eine Regel entwickelt. Zu zweit, nie allein. Vorher einer Aufsichtsperson Bescheid geben. Nur auf dem Trampelpfad, nicht quer durch die Dornen. Wer sich nicht daran hält, holt eine Woche lang keine Bälle. Die Kinder haben die Regel selbst auf ein Plakat geschrieben und neben die Tür gehängt.
In den ersten Wochen haben wir genau hingeschaut. Es gab zwei Kratzer und eine Diskussion darüber, ob «Bescheid geben» auch heisst, auf eine Antwort zu warten. Danach lief es. Heute, drei Jahre später, erklären die älteren Kinder den neuen, wie das mit dem Gebüsch funktioniert. Wir müssen es nicht mehr tun.
- Klein anfangen: ein überschaubares Risiko, ein klarer Rahmen.
- Die Regel gemeinsam machen: Kinder halten sich eher an Regeln, die sie verstehen.
- Hinschauen, nicht wegschauen: Vertrauen ist kein Desinteresse.
- Nachjustieren: Eine Regel darf sich verändern, wenn sie nicht trägt.
Mehr als ein Fussball
Die Geschichte mit dem Fussball ist klein, aber sie steht für eine Haltung, die sich durch unsere ganze Schule zieht. Wir fragen bei jeder Regel, ob sie die Kinder schützt oder ob sie vor allem uns beruhigt. Beides ist legitim, aber man sollte wissen, welches von beiden man gerade tut.
Vertrauen ist dabei keine Eigenschaft, die man hat oder nicht hat. Es ist eine Praxis. Man übt es, man wird darin besser, und man darf es auch wieder zurücknehmen, wenn es missbraucht wird. Entscheidend ist, dass die Kinder spüren: Der Ausgangspunkt ist, dass wir ihnen etwas zutrauen.
Fragen zur Reflexion
- Welche Regel an unserer Schule dient vor allem unserer eigenen Beruhigung?
- Wo könnten Kinder eine Aufgabe übernehmen, die heute Erwachsene erledigen?
- Wie gehen wir damit um, wenn Vertrauen enttäuscht wird?