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Lerngefässe

Freies Spiel

ca. 3 Min. Lesezeit

Beispieltext. Freies Spiel ist keine Pause vom Lernen, sondern eine seiner dichtesten Formen. Wer Kindern beim Spielen zuschaut, sieht Planung, Verhandlung, Ausdauer und Scheitern – oft innerhalb weniger Minuten und ohne dass jemand eine Aufgabe gestellt hätte.

In unserer Schule hat das freie Spiel deshalb einen festen Platz im Tagesablauf. Es ist nicht das, was übrig bleibt, wenn der «richtige» Unterricht vorbei ist. Es ist ein Lerngefäss mit eigener Qualität, eigenen Regeln und einer klaren Rolle für die Erwachsenen.

Was wir unter freiem Spiel verstehen

Frei ist ein Spiel dann, wenn die Kinder selbst entscheiden, was sie spielen, mit wem und wie lange. Das klingt einfach, ist im Schulalltag aber anspruchsvoll. Denn sobald Erwachsene ein Ziel mit dem Spiel verbinden – Wortschatz erweitern, Feinmotorik fördern, soziale Kompetenzen trainieren –, verschiebt sich die Entscheidung unmerklich von den Kindern zu uns.

Wir unterscheiden deshalb bewusst zwischen freiem Spiel und gelenktem Spiel. Beides hat seinen Wert. Gelenktes Spiel nutzt die Motivation des Spielens für ein Lernziel, das wir setzen. Freies Spiel hingegen lässt das Ziel offen. Was gelernt wird, zeigt sich oft erst im Nachhinein.

Beispielbild – im echten Inhalt z. B. eine Spielsituation auf dem Pausenplatz.

Raum, Zeit und Material

Freies Spiel braucht drei Dinge, die im Schulhaus oft knapp sind: Raum, Zeit und Material. Raum heisst nicht unbedingt viele Quadratmeter. Es heisst, dass ein Ort zum Spielen da ist, der nicht nach jeder Lektion wieder aufgeräumt werden muss. Ein angefangener Bau darf stehen bleiben.

Zeit heisst: Blöcke von mindestens dreissig, besser fünfundvierzig Minuten. Kürzere Spielzeiten führen dazu, dass Kinder kaum über das Aushandeln hinauskommen. Beim Material bevorzugen wir offenes Material vor fertigem Spielzeug: Bretter, Tücher, Kisten, Seile, Naturmaterial, Werkzeug.

  • Raum: ein fester Ort, an dem Angefangenes stehen bleiben darf.
  • Zeit: zusammenhängende Blöcke von 30–45 Minuten.
  • Material: offen, vielseitig, robust – lieber wenig und wandelbar als viel und festgelegt.

Die Rolle der Erwachsenen

Im freien Spiel treten wir einen Schritt zurück, aber wir gehen nicht weg. Unsere Aufgabe ist es, den Rahmen zu sichern, aufmerksam zu beobachten und nur dann einzugreifen, wenn es nötig ist – wenn jemand verletzt wird, wenn ein Kind dauerhaft ausgeschlossen bleibt oder wenn das Spiel in eine Sackgasse gerät.

Die schwierigste Fähigkeit der Lehrperson im freien Spiel ist, eine gute Frage zurückzuhalten.

Beobachten heisst dabei nicht kontrollieren. Wir notieren, was uns auffällt: Wer übernimmt welche Rolle? Wer bleibt am Rand? Welche Themen tauchen immer wieder auf? Diese Beobachtungen nehmen wir in die Lerngespräche mit.

Woran wir erkennen, dass es gelingt

Gelingendes freies Spiel ist nicht immer leise und selten ordentlich. Es erkennt sich eher daran, dass Kinder vertieft sind, dass Spiele über mehrere Tage weitergeführt werden und dass Konflikte zunehmend ohne Erwachsene gelöst werden.

Freies Spiel verlangt von uns Vertrauen: in die Kinder, in den Rahmen, den wir gebaut haben, und in einen Lernprozess, dessen Ergebnis wir nicht im Voraus kennen. Dieses Vertrauen ist kein Verzicht auf Verantwortung. Es ist eine besondere Form davon.

Fragen zur Reflexion

  • Wie viel zusammenhängende Spielzeit haben die Kinder an einem gewöhnlichen Tag?
  • Welches Material in meinem Raum ist offen, welches legt das Spiel bereits fest?
  • Wann habe ich das letzte Mal eingegriffen – und war es nötig?